Nadine lebt schon mehr als die Hälfte ihres Lebens in Berlin. Sie ist Ergotherapeutin und hat zusätzlich Rehabilitations-Pädagogik studiert. Hier legte sie ihren Fokus auf zwei Inhalte: die Sprachheilpädagogik und die Erwachsenenbildung. Nach ihrem Studium arbeitete die Brandenburgerin bei einem Wohlfahrtsverband, wo sie ein Projekt leitete. Als sie schließlich Mutter wurde, sehnte sie sich nach mehr finanzieller Sicherheit, die ihr die zeitlich befristete Projektarbeit nicht geben konnte. So kehrte sie zurück zur Ergotherapie, sehnte sich aber gleichzeitig nach einer weiteren Veränderung. Daher begann sie berufsbegleitend eine Ausbildung zur Meditationslehrerin. Und das öffnete ihr die Augen: Wie völlig anders man lebt, wenn man mit mehr Achtsamkeit durchs Leben geht.
Wie wird Achtsamkeit zum festen Bestandteil des Alltags?
Gefesselt von diesem Thema folgte der nächste Schritt, eine Ausbildung zur Fachergotherapeutin für Achtsamkeit. „Es fühlte sich an wie ein Reset in meinem Leben“, erzählt sie. Und trotzdem war es anfangs nicht leicht, das Thema Achtsamkeit dauerhaft im Alltag zu integrieren; das erfordert viel Geduld und Disziplin. Nadine hat es geschafft und dabei festgestellt, wie viel ihr dieses neu erlernte Wissen auch in ihrem Arbeitsalltag als Ergotherapeutin hilft.
Kann man in der Hektik der Praxis “bei sich bleiben”?
Da Pädagogik ja ein weiteres Steckenpferd von Nadine ist, lag es auf der Hand, anderen Therapeuten dieses Thema zugänglich zu machen. Nun unterrichtet sie Kollegen darin, wie sie im beruflichen Alltag einen anderen Blick auf die Handlungsabläufe bekommen und aus dem Automatismus aussteigen können. Wie schaffe ich es, trotz der knappen Behandlungseinheiten „bei mir zu bleiben“ und diese innere Ruhe auch auf meine Patienten zu übertragen?
Wie kann man den Tag im Hier und Jetzt beginnen?
Für Nadine Kuchar beginnt die Achtsamkeit aber nicht erst in der Praxis, sondern gleich früh am Morgen. Sie hat sich angewöhnt, schon die ersten Minuten des Tages völlig anders zu gestalten als früher. „Jeden Morgen gehe ich kurz in mich: Wie starte ich meinen Tag? Was erwartet mich heute? Wie möchte ich sein? Ich frage mich auch selbst ehrlich, wie geht es mir heute? Dann setze ich mich 10 Minuten auf meine Yogamatte, um mich mit einer kurzen Morgen-Meditation auf den Alltag einzustimmen. Wenn ich anschließend Routinetätigkeiten verrichte, in der wir normalerweise im Autopiloten-Modus funktionieren, versuche ich bewusst bei mir zu bleiben. Putze ich beispielsweise meine Zähne, versuche ich mit meinen Fußsohlen den Boden wahrzunehmen oder beim Kaffeetrinken die Wärme der Kaffeetasse zu spüren. Dabei achte ich auf meine Atmung, aus der ich sehr viel Kraft schöpfen kann.“ Nadine betont, man verliere nicht viel Zeit, wenn man den Tag so beginne. Und doch sei man ganz anders drauf, viel gefestigter und mit sich und dem Umfeld im Reinen: „Das hat nichts mit Trödeln zu tun, man muss auch nicht früher aufstehen. Es geht lediglich darum, im Hier und Jetzt zu sein, was uns innerlich stark macht für den Tag“.
Wie lässt sich Achtsamkeit im Praxisalltag verankern?
Nun heißt es aufpassen und die Achtsamkeit im Praxisalltag aufrechtzuerhalten. Nadine weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht leicht ist, den Transfer im Alltag gut hinzubekommen. Doch man könne die eigene Haltung schulen und dieses „mit sich im Reinen sein, das Mitgefühl mit sich selbst und seiner Umwelt“ auch auf Patienten übertragen. Viele von Ihnen hätten körperliche Einschränkungen und würden davon profitieren. Sie könnten im Laufe der Zeit selbst einen anderen Blick auf die Dinge bekommen und eine liebevolle und wohlwollende Einstellung zu ihren Einschränkungen entwickeln.
Wie kann ich winzige Pausen nutzen?
Der Therapiealltag kann einen schnell in Stress versetzen, daher müssen sich die Therapeuten fest vornehmen, winzige Pausen beim Wechsel zwischen den Patienten auch wirklich zum Durchatmen zu nutzen. Und ist die Zeit noch so kurz, “irgendwas geht immer”. Nadine hat tolle Tipps zur Hand. So rät sie beispielsweise dazu, das Fenster zu öffnen, sich kurz ans Fenster zu stellen, den Wind und die Sonne zu spüren und sich bewusst zu fragen: Was rieche ich? Was sehe ich? Welche Gedanken habe ich gerade? Und wie möchte ich mich jetzt meinem nächsten Patienten zuwenden? Das sei ein kurzer Moment, vielleicht nur 10 Sekunden. Und doch könnte dieses kurze Innehalten sehr viel bewirken.
Welche Tools helfen außerdem?
Unterschiedliche Reminder haben der Ergotherapeutin in der ersten Zeit geholfen, die Achtsamkeit tatsächlich in ihren Alltag zu integrieren. Hierfür gibt es nützliche Apps, die an Pausen erinnern oder “gute Gedanken” schicken. Nadine hat sich außerdem Zettel mit kleinen Erinnerungen an ihren Laptop geklebt. Diese halten sie unter anderem dazu an, an aktive Pausen zu denken. Und das heißt Bewegung bzw Ortswechsel! Also mal kurz vor die Tür, einmal die Straße rauf und runter oder in den gegenüberliegenden Park, um in einer veränderten Situation den Kontakt zu sich selbst wiederherzustellen.
Wie kann Atemtechnik helfen?
Ein weiteres Hilfsmittel sei bewusstes tiefes Ein- und Ausatmen, parallel dazu beobachtet man die Bewegungen und Gefühle im Körper. Grundsätzlich sei die Atmung ein toller Zugang zu sich selbst, findet Nadine. Denn rund um das Thema Atmung kann man verschiedene Atemtechniken erlernen, die für optimale Entspannung sorgen. Diese sind übrigens auch Teil einer Achtsamkeitsmeditation, die die Ergotherapeutin deshalb als optimale Methode empfindet, weil man hierfür einfach gar nichts braucht.
Wie werden Vorsätze tatsächlich zur Gewohnheit?
Abschließend hat Nadine noch ein paar praktische Tipps zur Hand: „Eins nach dem anderen erledigen, insbesondere dann, wenn sich die Dinge ballen.“ Und sich den inneren Widerständen und Blockaden stellen, sie wahrnehmen und überwinden. Es handelt sich um ganz natürliche Prozesse, wenn man neue Dinge lernt, die man fest im Leben installieren und zur Routine entwickeln möchte. Das betrifft natürlich nicht nur das Thema Achtsamkeit, sondern auch andere Dinge wie mehr Sport oder gesunde Ernährung - und zwar langfristig.