Unsere Fortbildungsreihe „Bunz learn Physio“ drehte sich diesmal um das Thema: Adulte Skoliose - Behandlung im Hausbesuch. Thomas „Tom“ Pielmeier - Physiotherapeut, Skoliosetherapie-Enthusiast und bekannt für einen angenehm klaren, praxisnahen Blick auf komplexe Befunde, führte unsere Therapeuten durch den Online Vortrag. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Impulse aus seinem Online-Vortrag „Adulte Skoliose – Behandlung im Hausbesuch“ zusammen: Grundlagen, typische Mythen im Faktencheck und vor allem einfache, alltagstaugliche Übungsansätze, die ohne große Geräte im Hausbesuch funktionieren.
Im folgenden Text wird es um folgende Themen gehen:
1.Wiederholung Grundwissen Skoliose: kurz, klar, dreidimensional
2.Besonderheiten der Skoliose im Alter: Was bei Erwachsenen anders ist
3.Korrekte Einordnung & Interpretation von Messwerten und Daten
4.Hausbesuchstaugliche Übungen: simpel, kontrollierbar, alltagstauglich
5.Leitlinien & Mythbuster: Orientierung geben, Angst rausnehmen
1. Wiederholung Grundwissen Skoliose: kurz, klar, dreidimensional
Skoliose ist mehr als „eine krumme Wirbelsäule“. Tom fasst sie bewusst griffig zusammen als dreidimensionale, teilfixierte, strukturelle Wirbelsäulenveränderung. Entscheidend ist dabei das Wort dreidimensional:
- Frontalebene: seitliche Verbiegung (das „C“ oder „S“)
- Transversalebene: Rotation der Wirbelkörper gegeneinander
- Sagittalebene: Skoliotische Wirbelsäule ist spiegelverkehrt zur „klassischen“; Lordotische Veränderung thorakal und kyphotische lumbal
Diese Rotation zeigt sich im Alltag häufig am Brustkorb: Rippenberg (prominente Seite) und Rippental (abgeflachte Gegenseite). Ein einfacher klinischer Hinweis ist der Adams-Test: Vorbeugen, von hinten schauen – steht eine Seite höher, ist das ein Hinweis auf Rotationsasymmetrie.
Hilfreich für Therapie und Erklärung ist das Bild der Körperblöcke (Schulter-, Thorakal-, Lumbal- und Beckenblock): Bei Skoliose stehen diese nicht „im Lot“, sondern sind gegeneinander verschoben und rotiert. Therapie heißt dann nicht „alles gerade drücken“, sondern Block-Logik verstehen und funktionell verbessern.
2. Besonderheiten der Skoliose im Alter: Was bei Erwachsenen anders ist
Bei Erwachsenen verschiebt sich der Therapie-Fokus: weniger „Form“, mehr Funktion, Statik, Entlastung und Lebensqualität. Tom betont dabei zwei typische Mechanismen, die im Alltag große Beschwerden machen können:
Dekompensation („Überhang“)
Die Körperblöcke hängen nicht mehr mittig über dem Becken, die Lotlinie stimmt nicht. Dadurch wirkt die Schwerkraft wie ein Hebel: Das System kippt leichter, einseitige Belastung nimmt zu, Aufrichtung wird anstrengender.
Rippen-Becken-Kontakt
Durch lotgerechtes Absinken kann es passieren, dass die unteren Rippen am Beckenkamm reiben („Knochen auf Knochen“) – oft sehr schmerzhaft. Manchmal wirkt eine Seitabweichung sogar wie ein Schutzmechanismus, damit Rippen „am Becken vorbei“ nach unten gleiten können.
Schmerz-Befund-Diskrepanz
Ein radiologisch stark ausgeprägter Befund muss nicht zwangsläufig mit starken Schmerzen einhergehen. Das Hauptproblem einer Patientin war beispielsweise der progressive Größenverlust, nicht der Schmerz.
Orthesen als Ergänzung:
Bei Erwachsenen geht es primär um Entlastung/Schmerzlinderung, nicht um wachstumslenkende Korrektur. Genannt wurden u. a.:
- Chêneau-Typ-Korsett: häufig schwer im Handling (Anziehen), begrenzter Nutzen bei Rippen-Becken-Kontakt
- Kubco Modell: dynamischer Ansatz, kann temporär entlasten und Aktivität ermöglichen (z. B. längere Wege), teils besonders hilfreich bei Rippen-Becken-Thematik
3. Korrekte Einordnung & Interpretation von Messwerten und Daten
Ein Klassiker in der Praxis: Patient:innen vergleichen Werte, die gar nicht das Gleiche messen – und sind dann verunsichert („Der Arzt sagte 30°, aber meine App zeigt 15°“). Tom ordnet das sehr klar:
Cobb-Winkel (Cobb)
- Was? Grad der seitlichen Verbiegung
- Wie gemessen? Im Röntgenbild
- Wofür wichtig? Einteilung/Schweregrad, Verlauf, Progressionsrisiko
Skoliometer (Rotation nach Bunnell)
- Was? Rumpfrotation
- Wie gemessen? Klinisch im Adams-Test
- Wofür wichtig? Screening/Verlauf in der Praxis ohne Strahlung
- Wichtig: nicht 1:1 in Cobb umrechenbar
Messtoleranzen: Zahlen sind nie „absolut“
Für den Cobb-Winkel gilt eine relevante Messstreuung: Änderungen von wenigen Grad können schlicht im Toleranzbereich liegen (Tom nennt hier ±3–5° als wichtige Hausnummer). Das ist hilfreich, um Panik rauszunehmen und nicht jedes Detail zu „überinterpretieren“.
Kommunikationsregel aus der Praxis
Ohne Röntgenbild keine Aussagen wie „sehr ausgeprägt“ die Skoliose ist. Tom bringt dazu Beispiele, warum das gefährlich ist: Eine optisch „unauffällige“ Person kann hohe Werte haben – und eine Person mit moderaten Winkeln kann durch eine unbedachte Aussage psychisch massiv getroffen werden.
Therapeuten haben durch ihre Wortwahl einen erheblichen Einfluss (Placebo/Nocebo). Begriffe wie "Deformität" oder "Buckel" sollten vermieden und durch neutrale Beschreibungen wie "strukturelle Wirbelsäulenveränderung" ersetzt werden. Prognosen ohne fundierte Datengrundlage sind zu unterlassen, um Patienten nicht unnötig zu verunsichern.
4. Hausbesuchstaugliche Übungen: simpel, kontrollierbar, alltagstauglich
Der Hausbesuch ist kein Gerätepark – und muss es auch nicht sein. Die Übungen sind so gewählt, dass sie mit Stuhl, Türrahmen, Besenstiel, Handtuch funktionieren. Drei Leitprinzipien ziehen sich durch den Vortrag:
Selbstkontrolle ist Pflicht
Ein Spiegel (oder Tablet/Kamera) hilft, damit „Korrektur“ nicht nur ein Gefühl bleibt.
Zeit statt Wiederholungen
Statt „10 Wiederholungen“ lieber mit Timer arbeiten (z. B. 3–5 Minuten konzentriert). Das verhindert das typische „schneller werden“ und verbessert die Qualität.
„Mach es dir unbequem“ (Alltag als Korrekturtraining)
Die „bequeme“ Haltung ist oft genau die, die die Skoliose verstärkt, weil der Körper sich an die Asymmetrie gewöhnt hat. Im Alltag bewusst die Seite wählen, „wo es blöd ist“ (Sofaecke, Tasche, Sitzposition), kann kleine korrigierende Impulse setzen.
Übung 1: Muskelzylinder in Seitlage (aus dem Vortrag/Infografik)
- Auf der Lumbal konvexen Seite liegen (z. B. bei links-lumbaler Kurve links)
- Wirbelsäule aktiv aufrichten („groß machen“)
- Ziel: Kräftigung in der Konkavität + strukturelle Entlastung
Übung 2: Psoas-Heber / „Sprossenheber“ (Stuhl-Variante, aus dem Vortrag/Infografik)
- Aufrecht im Reitsitz sitzen, Oberschenkel leicht abfallend
- Arme auf Lehne, Schulterblock zur Gegenseite verschieben
- Fuß auf der konkaven Seite minimal anheben (nur „ein Millimeter Luft“) und nach oben innen gegen die Stuhllehne drücken
- Ziel: gezielte Muskulaktivierung zur Korrektur/Derotation (lumbal)
Übung 3: „Hüftholz“ (Becken-Shift im Stand)
- Stand schulterbreit, Knie locker, Oberkörper stabil (idealerweise an Stuhllehne festhalten um sich thorakal im Raumzu fixieren)
- Beckenblock gezielt zur Korrekturseite verschiebe und gegen einen Widerstand drücken, ohne „mit dem Oberkörper mitzuwandern“
- Ziel: Lotlinie zentrieren, einseitige Belastung reduzieren
Übung 4: „Schräger Zug“ (Wahrnehmung für „gerade“)
- Türrahmen als Fixpunkt, Stab/Besenstiel als Hebel
- Ziel: Überkorrektur/Orientierung, damit die Lotlinie wieder erarbeitet wird (weil es sich anfangs oft „schief“ anfühlt).
5. Leitlinien & Mythbuster: Orientierung geben, Angst rausnehmen
Ein großer Teil guter Skoliose-Therapie ist Aufklärung – weil Mythen zu Schonung, Unsicherheit und Dekonditionierung führen.
Mythos: „Schwimmen ist die beste Sportart bei Skoliose.“
Fakt: Schwimmen hat keinen nachweisbaren Vorteil gegenüber anderen Sportarten. Wichtig ist: Bewegung.
Mythos: „Skoliose führt im Alter immer zu Rückenschmerzen.“
Fakt: Skoliose kann ein Faktor sein, ist aber oft nicht die alleinige Ursache.
Mythos: „Schweres Heben ist bei Skoliose verboten.“
Fakt: Die Wirbelsäule darf und soll belastet werden – entscheidend ist eine gute Ausrichtung/Statik und ein sinnvoller Aufbau.
Kurz gesagt: Bewegung ist Therapie, Sport ist Sport. Ziel ist ein aktiver Alltag, nicht die Suche nach der einen „Wundersportart“.
Fazit: Was bleibt nach dem Vortrag hängen?
Adulte Skoliose im Hausbesuch ist dann gut behandelbar, wenn wir dreidimensional denken, Messwerte korrekt einordnen, sensibel kommunizieren und Übungen so gestalten, dass Patient:innen sie wirklich umsetzen können. Mit einfachen Tools (Stuhl, Türrahmen, Timer) wird aus „kompliziert“ wieder machbar – und genau das stärkt Selbstwirksamkeit und Lebensqualität.
Praxisorientiert Wissen erweitern
Dieses interdisziplinäre Wissen sei von großem Vorteil, um Krankheitsbilder realistisch einschätzen zu können. Mit Vorträgen dieser Art bei “Bunz learn Physio” möchten wir eine Fortbildungsmöglichkeit für unser Team schaffen, die jeder auch im Nachgang in der Datenbank einsehen kann. Denn unsere Physiotherapeuten haben Freude daran, laufend ihr Wissen zu vergrößern und sich Neues anzueignen. Bei diesen kurzen, meist einstündigen Sequenzen, werden unkompliziert kleine Inputs gegeben, nicht zertifikatsorientiert, sondern praxisorientiert. Wissen, das im Arbeitsalltag auch konkret angewendet werden kann.
Lust, unser Team zu verstärken?
Bei uns im Team macht es Spaß zu arbeiten, des Geldes wegen, des Arbeitsklimas wegen und der freien Zeit- und Arbeitseinteilung wegen. Wir suchen laufend Verstärkung für unsere Teams. Kontaktiere uns gerne für ausführlichere Informationen.