Tanja Schütz 20.10.2017

Physiotherapeuten: Sie bleiben ein Berufsleben lang wissbegierig

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Auch darüber, welche Fortbildungen für Physiotherapeuten die wichtigsten sind. Dennoch scheint nicht alles reine Geschmackssache zu sein.

Mit Entscheidungen ist es ja generell so eine Sache, mit Entscheidungen für die Berufswahl noch eine viel komplexere. Vielen jungen Menschen liegt es im Magen, wenn sie sich für die nächsten Jahrzehnte - quasi für ihr restliches Leben - auf einen Beruf festlegen sollen.

Viel Zeit zum Orientieren

Da können Physiotherapeuten und -innen von Glück reden, denn sie entscheiden sich zwar zunächst für ihren Beruf, jedoch noch nicht für die endgültige medizinische Fachrichtung. Das gibt ihnen die Zeit und Muse, sich während ihrer Ausbildung oder ihres Studiums in Ruhe zu orientieren. In der Zeit der “Grundausbildung”, in der sie aus allen verschiedenen Fachgebieten Wissen erlernen, und vor allem in den Praktika, können sie ohne Druck überlegen: “Welche Art zu arbeiten liegt mir? Was finde ich fachlich interessant? Habe ich lieber mit jüngeren oder älteren Patienten zu tun? Wo möchte ich arbeiten - Praxis, Krankenhaus oder Reha?” Dank all der unterschiedlichen Erfahrungen, die die jungen Menschen im Laufe ihrer Ausbildung machen, wissen sie oft schnell, wohin die berufliche Reise gehen soll. Einige wenige habe ihr Ziel jedoch schon konkret vor Augen, es ist vielleicht sogar der Auslöser für die Berufswahl.

Ziel Traumberuf erreicht

So war das zumindest bei Denis Berben aus Köln. Als Sportler hatte er früher regelmäßig mit Verletzungen zu kämpfen und dadurch entwickelte er ein Interesse für den Beruf: “Noch vor Beginn der Ausbildung stand für mich fest, ich möchte später in den Sportbereich gehen. Leistungssportler oder Mannschaften zu betreuen war mein Ziel.” Denis Berben ist genau dort angekommen. Er arbeitet heute im Olympia-Stützpunkt Bayern 04 in Leverkusen und versorgt die Leichtathleten. Mit diesem klaren Ziel vor Augen musste er auch nicht lange überlegen, welche Fortbildungen er belegt, um sich zu spezialisieren: Krankengymnastik am Gerät, Manuelle Lymphdrainage, Medical Flossing, derzeit Manuelle Therapie und als nächstes Sportphysiotherapie.

Schnelldiagnostik auf dem Spielfeld

“In meinem speziellen Fall finde ich den Sportphysiotherapeuten sehr wichtig. Man lernt hierbei die Schnelldiagnostik auf dem Spielfeld und entwickelt die Fähigkeit, unter zeitlichem Druck am Spielfeldrand entscheiden zu können, bleibt ein Spieler weiter im Einsatz oder ist das Risiko zu hoch, dass er sich weitere Verletzungen zuzieht”, erläutert der 31-Jährige. Für den Sportbereich hält Denis Berben ferner die Ausbildung Medizinische Trainingstherapie (MTT) für sinnvoll. Hierbei geht es um den systematischen Muskelaufbau nach Verletzungen.

MT und MTT gute Kombination

Da pflichtet ihm der Hamburger Marco Krohne bei, ebenfalls freier Mitarbeiter von Bunz mobile Physio und selbst ausgebildet in Manueller Therapie (MT), MTT, Kinematic Taping und Sportphysiotherapie: “Nach Verletzungen muss man wissen, wie man die Muskulatur richtig trainiert, um den Patienten für die Zukunft zu stabilisieren”. Deshalb ist die MTT in der Orthopädie ebenso wichtig wie die MT - für ihn in der Orthopäde die Methode der Wahl bei Schmerzpatienten. MT und MTT sei vor allem in der Kombination oft nötig: MT um Schmerzen zu lindern, MTT um zu stabilisieren.

Schwerpunkte sind Orthopädie und Neurologie

Grundlegend erläutert der 28-Jährige: Die Mehrheit der Physiotherapeuten entscheidet sich nach der Ausbildung für einen der beiden Bereiche: Orthopädie oder Neurologie. Bei Schmerzpatienten in der Orthopädie hätte man mit der MT sowie der MTT die besten Erfolge, in der Neurologie dagegen mit den Methoden Bobath und Vojta zur Behandlung von Krankheiten wie Schlaganfall, Hirnblutung oder Epilepsie.

Innere Medizin weitere Option

Einige wenige Physiotherapeuten spezialisieren sich auch in Richtung Innere Medizin, um Patienten mit Atemwegserkrankungen zu helfen. “Atemprobleme kommen häufig bei Grunderkrankungen wie Asthma, nach Lungenentzündungen oder bei Herzerkrankungen vor. Allerdings ist es eher selten, dass sich Kollegen gleich nach der Ausbildung für dieses Fachgebiet entscheiden”, berichtet Krohne. Doch so wenige sind es in Hamburg nicht, denn dort gibt es sogar ein eigenes Atem-Reha-Zentrum.

Arbeiten mit Säuglingen und Kindern

Auch das Behandeln von Säuglingen und Kindern ist ein eigener Fachbereich in der Physiotherapie, wenn auch ein eher kleiner. Für diese umfassende Tätigkeit brauchen die Therapeuten eine spezielle Weiterbildung in Bobath und/oder Vojta-Therapie, später häufig weitere Qualifizierungen wie Schlucktherapie, Psychomotorik und Osteopathie oder Craniosacrale Therapie. Die Tätigkeit beinhaltet auch „Elternanleitung“. Denn ohne sie ist jede Therapie nur minder wert.

Wenig Therapeuten mit dieser Ausbildung

Dass für Säuglinge und Kinder manchmal schwer Physiotherapeuten/-innen zu finden sind, hat vielfältige Gründe. Einerseits gibt es insgesamt wenig Therapeuten, da die Ausbildung kosten- und zeitintensiver ist als die meisten anderen Weiterbildungen in der Physiotherapie. In den Kursen müssen zusätzlichen zu den Techniken in Bobath und Vojta - Voraussetzung für die Behandlung Erwachsener - alle einzelnen Entwicklungsstufen von Säuglingen und Kindern gelernt werden, um die Kleinen richtig testen und behandeln zu können. Und man muß natürlich auch eine Neigung dafür haben, die ganz Kleinen zu behandeln. Andererseits sehen möglicherweise die Kinderärzte die Notwendigkeit nicht so sehr als gegeben. Sie verschreiben eher selten Bobath oder Vojta, sondern warten häufig die weitere Entwicklung der Kinder ab. Daher ist die Nachfrage auch gar nicht so hoch.

Kinder therapieren - Eltern instruieren

“Mit Kindern zu arbeiten ist wesentlich anstrengender als mit Erwachsenen. Denn man behandelt ja nicht nur die Kinder, sondern muss zusätzlich noch die Eltern instruieren. Sonst bringt die ganze Therapie nichts”, berichtet Katrin Boehme aus der Praxis. Seit die Münchner Physiotherapeutin selbst Kinder hat, fällt es ihr noch leichter, aus der eigenen Erfahrung heraus den Eltern Ideen für einen entsprechenden “Fahrplan”, umzusetzen im Alltag mit den Kindern, mit auf den Weg zu geben. Viele Kollegen entscheiden sich erst nach etlichen Berufsjahren für die Arbeit mit den Kleinen, “denn sie ist insgesamt viel aufwendiger: vom Handling, vom psychologischen Aspekt und von der Führung der Eltern”, so Katrin Boehme.

Ausbildung ist eine gute Grundlage

Grundsätzlich ist mit Abschluß der Ausbildung zunächst eine gute Grundlage geschaffen, meint Ibrahim Peker. Danach gelte es, in dem Bereich, der einen besonders interessiert, Fachwissen zu entwickeln. Dabei sollte man sich für eine Fachrichtung entscheiden und sich darauf spezialisieren. “Es ist schon so, dass der eigene Marktwert mit entsprechenden Fortbildungen steigt. Allerdings macht es keinen Sinn, 20 verschiedene Fortbildungen zu absolvieren, um dann zu sagen, ich bin als Physiotherapeut top. So funktioniert das nicht”, bringt es der 29-Jährige aus Mönchengladbach auf den Punkt. Er selbst hat Fortbildungen in Manueller Lymphdrainage, MT, PNF (propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation) und Kinesio Taping.

PNF und Bobath optimal für Neurologie

Zu den aus seiner Sicht wichtigen Fortbildungen zählt Peker wie seine Vorgänger in der Orthopädie die MT zur Mobilisierung der Gelenke bei Blockaden, die Manuelle Lymphdrainage sowie in der Neurologie PNF (propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation) und besonders wichtig Bobath. PNF habe ein ähnliches Behandlungsziel wie Bobath und diene ebenfalls der Verbesserung der Bewegungsmuster und -abläufe. Allerdings ist Bobath laut Peker umfangreicher einsetzbar, denn bei Patienten mit Spastik oder Schlaganfall sei der Behandlungserfolg mit PNF nicht immer optimal. “Deshalb mache ich als nächstes einen Bobath-Kurs. Die Griffe und der Körperkontakt sind ganz anders als bei PNF”, erzählt er. Die Bobath-Ausbildung dauert zwar länger und ist teurer, ist aber aus Pekers Sicht die perfekte Behandlungsmethode. Er kann sie künftig bei seiner Arbeit im Krankenhaus anwenden oder wenn er Patienten von Bunz mobile Physio im Großraum Mönchengladbach behandelt.

Physiotherapeuten haben nie ausgelernt

Regelmäßige Fortbildungen, ein umfangreiches Fachwissen, Spezialisierung auf bestimmte Erkrankungen, all das scheint wie selbstverständlich den Berufsweg eines Physiotherapeuten zu begleiten. Denn Physiotherapeuten haben aus ihrer Sicht nie ausgelernt, sondern bleiben ein Berufsleben lang wissbegierig. “Dennoch ist es wichtig, dass man sich nicht von einer Fortbildung in die nächste stürzt. Erstmal sollte man das Handling kennenlernen und Praxiserfahrung sammeln”, diesen Rat gibt Denis Berben allen “Neulingen” mit auf den Weg.
Dieser Meinung ist auch Ute Merz, Pressereferentin des Deutschen Verbandes für Physiotherapie. Ausführlicher erläutert sie ihre Ansicht in unserem nächsten Beitrag zusammen mit Heiko Dahl, Geschäftsführer der Physio-Akademie, dem Bildungswerk des Verbandes: Nicht blindlings Geld und Zeit investieren”.

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