Tanja Schütz 29.08.2017

Physiotherapeuten fordern: Installation einer Therapeutenkammer

Fehlt es an der entsprechenden Lobby? Sind die Interessen der Physiotherapeuten durch die Berufsverbände schlecht vertreten? Möglicherweise! Wir haben uns in der Szene umgehört.

Natürlich gibt es verschiedene Standpunkte und Meinungen, wenn es um die Frage geht, wie gut die Berufsverbände der Physiotherapeuten diese gegenüber Politik und Krankenkassen vertreten. Zusätzlich muss aber jeder Physiotherapeut persönlich für seine eigenen Belange einstehen.

Forderungen unangemessen?

Und das ist ein grundsätzliches Problem, meint Corinna Krebs aus Berlin. Sie hat den Eindruck, Physiotherapeuten tun sich von Haus aus schwer, für bessere Löhne zu kämpfen. Die Gesellschaft würde solche Forderungen wohl als unangemessen sehen. “Wir arbeiten in einem sozialen Sektor. Da wird vorausgesetzt, dass wir nicht zuviel Gehalt fordern dürfen. Das wird von außen an uns herangetragen”, empfindet die Berlinerin die Stimmung.

Wenig Spielraum beim Gehalt

Michaela Grund aus München pflichtet ihr bei: “Wir werden klein gehalten über unsere Arbeitgeber.” Diese würden sich auf die Krankenkassen und die Gesamtsituation im Gesundheitswesen berufen. “Da haben die Arbeitgeber aber natürlich auch nicht unrecht. Sie haben beim Gehalt meistens wirklich nicht viel Spielraum”, ist sich die Physiotherapeutin im Klaren.

Berufsverbände sollen Druck machen

Endlich mehr Druck machen auf Krankenkassen und die Politik, das wünschen sich viele Physiotherapeuten/-innen von den Berufsverbänden. Politischer Druck kann allerdings nur durch wirtschaftliche, soziale oder ökologische Interessen erzeugt werden. Streiken Piloten, Lokführer oder Erzieher/-innen, ist der Aufschrei in der Bevölkerung groß. Viele Bürgerinnen und Bürger sind betroffen. Bleiben Praxen für Physiotherapie geschlossen, trifft es einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung. Und die meisten Patienten können eine einmalige Terminabsage im wahrsten Sinnen des Wortes verschmerzen.

Interessen driften auseinander

Ein weiterer Aspekt ist die Vielfalt der Interessen, die bei Selbständigen und Angestellten auseinander driften kann. Rahmenbedingungen und Probleme sind oft zu unterschiedlich. Hinzu kommt in den vergangenen Jahren verstärkt das Thema Akademisierung, das die Berufsgruppe regelrecht spaltet. Eine Befragung der Therapeuten/-innen an der Hochschule Fresenius, mit der sich Sabine Hammer im Portal für Physiotherapeuten eingehend beschäftigt, etwa zeigt, Therapeuten mit akademischem Abschluss nehmen seitens nicht akademisierter Kollegen häufig Vorbehalte und Konkurrenzverhalten wahr. Als möglichen Grund nennt Sabine Hammer: Therapeuten ohne akademischen Abschluß fürchten Konsequenzen im Sinne einer fachlichen oder finanziellen Degradierung. Schade, denn gerade der Akademisierungsprozess sei die wichtigste Voraussetzung für ein besseres Ansehen der Therapieberufe. Die Professionalisierung sei ein bedeutender Schritt für mehr Anerkennung, mehr Verantwortung und mehr Einkommen.

Persönliche Beziehungen sind entscheidend

Die Umfrage verweise jedoch darauf, dass nicht nur die Ausbildungsform, sondern auch das kollegiale Verhalten zu Abgrenzung und Konkurrenz innerhalb der Berufsgruppe führen kann. Denn im Arbeitsalltag spielen persönliche Beziehungen für Therapeuten eine zentrale Rolle, betont Sabine Hammer: Zu den unmittelbaren Kollegen werden oft sehr enge und freundschaftliche Beziehungen gepflegt, das Team ist sich nahe wie eine Großfamilie. Berufskollegen dagegen, zu denen keine persönlichen Beziehungen bestehen, werden oft mit Argwohn beäugt. “Kollegen, die nicht dem eigenen Team angehören, werden mitunter fehlende fachliche Kompetenz, ausgeprägte materielle Interessen oder mangelnde Kooperationsbereitschaft unterstellt”, ist im Portal für Physiotherapeuten nachzulesen. Da gerät das “Gemeinsame”, das “Wir-Gefühl” natürlich schnell an seine Grenzen.

Mangelnder Konsens über Kernaufgaben und Kompetenzen

Ein weiterer Punkt, der es schwer macht, gemeinsame Ziele und Interessen zu verfolgen, ist der mangelnde Konsens darüber, was denn nun eigentlich die berufliche Identität der Therapieberufe ausmacht. Zu unterschiedlich sind die Auffassungen über Kernaufgaben, Kompetenzen und Rollen. Eine Definition der Alleinstellungsmerkmale von Physiotherapeuten im Allgemeinen, aber auch im Hinblick auf ihre medizinische, soziale und gesellschaftliche Bedeutung, ist kaum möglich. Für Sabine Hammer stellt sich hier die Frage: “Wenn ich nicht genau sagen kann, wofür ich höhere Anerkennung möchte, wie soll ich sie dann von anderen bekommen?”

So kann sich keine Lobby entwickeln

Gleichzeitig räumt Sabine Hammer ein, dass die bestehenden Rahmenbedingungen nicht günstig sind. Doch: “Die Bedingungen, die wir selbst schaffen - sowohl in der praktischen Arbeit als auch auf Ebene der politischen Vertretung -, sind ebenfalls nicht vorteilhaft, um unsere Interessen zu vertreten. Eine Berufsgruppe wird es nicht zu hohem Ansehen schaffen, wenn sie nicht eindeutig erklären kann, was sie unverzichtbar macht. Sie wird keine Stärke gewinnen, wenn sich die Mitglieder untereinander als Bedrohung empfinden, sich von Kollegen distanzieren oder gar gegen sie arbeiten. Sie wird keine Lobby entwickeln, wenn sie in Einzelgruppen mit unterschiedlichen Zielen auftritt.”

Aufsplitterung in vier Berufsverbände

In Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass sogar vier verschiedene Berufsverbände um die Gunst der Physiotherapeuten buhlen. Selbständige und Angestellt organisieren sich meist getrennt. Leider ist die unweigerliche Folge der Aufsplitterung in unterschiedliche Verbände, dass Druck und gezielte Einflussnahme auf Krankenkassen und Politik verloren gehen.

Initiative möchte Therapeutenkammer gründen

Deshalb macht sich jetzt eine Initiative stark, die eine Berufskammer für Therapeuten gründen möchte - für viele andere medizinische Berufe eine Selbstverständlichkeit. Dass es für diesen Berufsstand noch keine Kammer gibt, sei ein problematischer Zustand, bekräftigt die “Initiative Therapeutenkammer”. Denn den Kammern kämen Aufgaben und Funktionen als zentrale Institution berufsständischer Selbstverwaltung zu. Zentrale Themen sind die Definition der Inhalte beruflicher Aus- und Weiterbildung oder die Festlegung von Qualitätsstandards für die jeweiligen Tätigkeiten in Berufsordnungen. “Kurzum entscheiden Kammern zu einem maßgeblichen Teil mit, welche Entwicklungen die jeweiligen Berufe nehmen und wie die Herausforderung der Zukunft gemeistert werden könnten”, wirbt die Initiative für ihre Belange. Das sei wichtig für den Beruf des Therapeuten und die Zufriedenheit der Mitarbeiter in therapeutischen Praxen. Nicht zuletzt komme dies den Behandelten zugute.

Zentrale Ziele der “Initiative Therapeutenkammer”

Das sind die zentralen Ziele der “Initiative Therapeutenkammer”: 
  • Selbstbestimmung bei der Berufsordnung, der Fort- und Weiterbildungsregelung
  • Mitentscheidung bei der Bearbeitung und Weiterentwicklung der Heilmittelrichtlinie
  • Mitarbeit bei Gutachten und Gesetzesvorschlägen
  • Definition der Entwicklung von Therapiequalität
  • Patienten dürfen sich auch ohne ärztliche Verordnung an den Therapeuten ihres Vertrauens wenden
  • Bessere Gehälter für Physiotherapeuten
Interessierte, die sich für die Installation einer Therapeutenkammer engagieren möchten, erhalten hier weitere Informationen.

Österreicher haben nur einen Berufsverband

Ein Blick nach Österreich zeigt, dass dort alle Physiotherapeuten gebündelt für ihre Belange einstehen. Bei unseren Nachbarn gibt es nur eine einzige Interessenvertretung. Dieser Berufsverband ist alleiniger Ansprechpartner für Politik und andere Interessengruppen. Aber auch das ist kein Garant für mehr Erfolg. “Viele Kollegen sind überhaupt nicht Mitglied im Berufsverband. Sie interessieren sich kaum dafür, wie sich der Beruf weiterentwickelt und eine stärkere Lobby entwickeln könnte”, erzählt Cornelia Kunnert, Physiotherapeutin für Bunz Mobile Physio in Graz. Aber ihr Berufsstand tue sich da nunmal nicht so leicht: “Wir sind einfach so soziale Wesen. Für uns ist es manchmal schwierig, alles unter einen Hut zu bringen. Die soziale Komponente, die unser Beruf hat, macht es uns schwer, selbstbewusst und knallhart bessere Gehälter auszuhandeln.

Verdienst Teil 1: Einkommen als Physiotherapeut abhängig von Region

Verdiene ich genug? Diese Frage beschäftigt die Physiotherapie-Szene ungemein. Wir hörten uns um: Die Faktoren Region, selbständig oder angestellt haben den größten Einfluss auf das Einkommen.

Weiterlesen play_arrow
Tanja Schütz 20.06.2017

Verdienst Teil 2: In der Physio ist Stundenlohn nicht gleich Stundenlohn

Physiotherapeuten verdienen von Haus aus nicht üppig. Doch wer genau hinsieht, stellt zudem fest: Stundenlohn ist nicht gleich Stundenlohn. Am Ende bleibt unterschiedlich viel.

Weiterlesen play_arrow
Tanja Schütz 03.07.2017

Verdienst Teil 3: Jede Fortbildung bedeutet eine kleine Gehaltssteigerung

Wer als Physiotherapeut mehr verdienen möchte, sollte sich regelmäßig fortbilden. Denn jede Zusatzausbildung bringt auf lange Sicht bares Geld. Lesen Sie unseren Blog-Beitrag

Weiterlesen play_arrow
Tanja Schütz 18.07.2017
HIER INFORMIEREN