Tanja Schütz 11.03.2018

Interview zum Direktzugang: Screeningverfahren bringt Rechtssicherheit

In Deutschland haben Mediziner eine gewisse Monopolstellung. Sie stellen eine ärztliche Diagnose und bestimmen unter anderem die Behandlungsart und die Behandlungsdauer, welche dem Patienten verordnet wird. Ein Physiotherapeut führt anschließend die Behandlung nach diesen Vorgaben aus.
Das könnte sich ändern: Dann dürfen die Patienten ohne den „Umweg“ eines Arztbesuches direkt zum Physiotherapeuten. Mit vereinten Kräften kämpfen die Berufsverbände der Physiotherapeuten für den sogenannten Direktzugang, der es Patienten ermöglicht, ohne vorherigen Arztbesuch einen Physiotherapeuten aufzusuchen. Die Ärzteschaft sieht die Entwicklung kritisch.

13 Fragen an Andrea Rädlein, Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK).

1. Weshalb hält der Deutsche Verband für Physiotherapie die Einführung des Direktzugangs für notwendig und sinnvoll?
Mit dem Direktzugang des Patienten zum Physiotherapeuten optimieren wir die Patientenversorgung in Deutschland und wir stärken das Berufsbild und folglich die Autonomie der Physiotherapeuten.

2. Wie handhaben andere EU-Länder dieses Thema?
In zahlreichen Ländern innerhalb der EU ist der Direktzugang bereits etabliert, so zum Beispiel in den Niederlanden, in Schweden oder auch in Großbritannien. Aber auch in Kanada, den USA und in Australien gehen Menschen direkt zu ihrem Physiotherapeuten. Hierbei muss beachtet werden, dass es verschiedene Finanzierungsmodelle des Direktzugangs gibt, so z.B. Modelle mit Kostenübernahme, aber auch Modelle, die auf einer Privatleistung und somit keiner Kostenübernahme basieren.

3. Welche Vorteile bringt der Direktzugang für die Patienten?  Die Patienten entscheiden selbst, ob sie zunächst zum Arzt oder direkt zum Therapeuten gehen möchten. Die Therapie kann schneller starten. Studien haben gezeigt, dass u. a. die Patientenzufriedenheit im Direktzugang höher ist.

4. Häufig wird argumentiert, dass sich durch den Direktzugang in vielen Fällen die Zahl der Therapiestunden verringert. Wie ist das zu erklären?
Ein Grund dafür ist sicher der schnellere Beginn einer therapeutischen Intervention. Dadurch manifestieren sich Beschwerden häufig nicht so stark. Außerdem muss der Therapeut aktuell die Maßnahme durchführen, die der Arzt verordnet hat. Im Direktzugang wählt der Therapeut die Maßnahme und auch die Frequenz der Behandlung selbst. Das ermöglicht einen variableren Therapieplan, der auch dem Patienten zugute kommt.

5. Können durch den Direktzugang generell Kosten im Gesundheitssystem gespart werden?
Wir gehen davon aus, dass die Ausgaben sinken werden, da es zum einen seltener zu mehrfach Untersuchungen kommt und zum anderen zeigen internationale Studien auch, dass die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage gesenkt werden konnte, was sich ebenfalls kostensenkend auf das Gesundheitssystem auswirkt. 

6. Stellen Physiotherapeuten nicht im weitesten Sinne immer schon Diagnosen? 
Wir führen einen ausführlichen physiotherapeutischen Befund durch und ja, am Ende stellen wir eine physiotherapeutische Diagnose, welche die Grundlage für das Therapieziel und den Behandlungsplan bildet, den wir mit dem Patienten besprechen. 

7. Soll der Direktzugang nur unter bestimmten Voraussetzungen bzw. mit einer Zusatzausbildung gewährt werden? 
Das Bundesverwaltungsgericht hat bereits mit Urteil vom 26.08.2009, 3 C 19.08, festgestellt, dass ein Physiotherapeut eigenverantwortlich tätig werden darf, wenn er die notwendigen Kenntnisse zur physiotherapeutischen Behandlung ohne ärztliche Verordnung nachweist. Aktuell muss er sich dazu einer Kenntnisprüfung durch das Gesundheitsamt unterziehen, bei der er den Nachweis zu erbringen hat, dass er ausreichende Kenntnisse über die Abgrenzung der heilkundlichen Tätigkeit als Physiotherapeut gegenüber den Ärzten und den allgemein als Heilpraktiker tätigen Personen vorbehaltenen heilkundlichen Behandlungen besitzt und ausreichende diagnostische Fähigkeiten in Bezug auf die einschlägigen Krankheitsbilder hat. Darüber hinaus sind Kenntnisse in Berufs- und Gesetzeskunde einschließlich der rechtlichen Grenzen der nichtärztlichen Ausübung der Heilkunde nachzuweisen. 

8. "Risiken und Nebenwirkungen" des Direktzugangs?  In diesem Zusammenhang ist von besonderer Bedeutung, dass Physiotherapeuten, die im Direktzugang arbeiten, keine andere Tätigkeit ausüben wollen als bisher aufgrund ärztlicher Verordnung. Anders als Heilpraktiker beabsichtigen sie nicht, an Stelle des Arztes tätig zu werden. Von daher sind keine Gefahren oder Risiken erkennbar. Ziel des Berufsstandes ist vielmehr, durch eine Änderung des Berufsausbildungsgesetzes und der Rechtsverordnung über die Durchführung von Modellvorhaben die Grundlagen für den Direktzugang zu schaffen. Es geht darum, jedem Physiotherapeuten in der Ausbildung alle die Kenntnisse zu vermitteln, die er benötigt, um in einem systematischen Screening und unter Anwendung geeigneter Assessments die Fähigkeiten und Kenntnisse im Sinne einer verantwortlichen Gefahrenabwehr einzusetzen.

9. Welche Erfahrung machen Physiotherapeuten, die den sektoralen Heilpraktiker haben und bereits im Direktzugang Selbstzahler behandeln dürfen?
Die Kollegen sind freier in ihren Therapieentscheidungen und treffen auf hochmotivierte Patienten, die in Eigenverantwortung ihren Therapeuten aufsuchen, um schnelle Hilfe für ihre Beschwerden zu erhalten. So stellen wir uns eine freie Berufsausübung vor.

10. Welche Auswirkungen auf die Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeuten und Ärzten könnte der Direktzugang haben?
Wir sind davon überzeugt, dass die Zusammenarbeit konstruktiv und für beide Seiten attraktiv wäre. Für den Arzt könnte die Zeitersparnis eine spürbare Arbeitsentlastung bringen. Im derzeitigen System entlastet der Direktzugang auch das Budget des Arztes für Heilmittel. Außerdem wird auch der Therapeut im Direktzugang Patienten zum Arzt schicken, die zunächst weiterführende diagnostische Maßnahmen benötigen. Hier wird den Ärzten also nichts weggenommen, ganz im Gegenteil.

11. Der Direktzugang bedeutet also eine Entlastung für die Ärzte?
Davon sind sogar bereits die Gesundheitsministerinnen und -minister und Senatorinnen und Senatoren der Länder ausgegangen, als sie 2016 bereits einstimmig für Modellvorhaben zum Direktzugang plädierten. Der Direktzugang sei ein intelligentes Konzept zur Entlastung vor allem der niedergelassenen Ärzteschaft. Leider kam es nicht zur Umsetzung. Die Politik hat sich (nur) für Modellvorhaben zur Blankoverordnung entschieden.

12. Weshalb ist der Widerstand innerhalb der Ärzteschaft so groß?
In den Medien handelt es sich beim Widerstand meist um Funktionäre der Ärzteschaft. Hier müssen wir in der Tat noch das ein oder andere dicke Brett bohren. Unsere Erfahrungen zeigen aber auch, dass die Zusammenarbeit vor Ort zwischen Arzt und Physiotherapeut häufig schon sehr gut funktioniert und gerade junge Ärzte die Fähigkeiten von Physiotherapeuten schätzen und anerkennen.

13. Welche Veränderung der rechtlichen Rahmenbedingungen sind für den Direktzugang erforderlich? 
Es ist eine Anpassung beziehungsweise eine Ergänzung in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung erforderlich. Hier muss das Screeningverfahren mit 60 Stunden verankert werden, so hat es bereits das Bundesverwaltungsgericht entschieden. Wenn diese Lücke in der Ausbildung oder für bereits tätige Physiotherapeuten in einer Weiterbildung geschlossen würde, spricht rechtlich nichts gegen den Direktzugang und Physiotherapeuten haben Rechtssicherheit. Sie müssten dann nicht mehr den Umweg über den sektoralen Heilpraktiker nehmen.

Weitere ausführliche Informationen zum Thema Direktzugang gibt es auch auf den Seiten des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) und des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV).

Arbeitsamt: Mangel an Fachkräften bei den Physiotherapeuten

Jetzt ist es amtlich: Im Bereich der Physiotherapie herrscht in 10 von 16 Bundesländern ein Mangel an Fachkräften. Das ist der jüngsten Pressemitteilung der Bundesagentur für Arbeit zu entnehmen.

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Tanja Schütz 28.02.2018
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