Tanja Schütz 11.10.2017

Hausbesuche: Mit dem Fahrrad von Patient zu Patient

Viele Patienten per Hausbesuch zu versorgen, dabei aber mit den eigenen Kräften zu haushalten: Dieser Spagat führt zu tollen neuen Ideen in den Praxen der Allgemeinärzte. Lesen sie hier!

Hausbesuche sind schlecht bezahlt, sie sind zeitintensiv und sie werden oftmals für den Hausarzt selbst zum Stress. Dennoch steht für die Mehrheit der niedergelassenen Allgemeinmediziner außer Frage, dass Hausbesuche im Sinne des Patienten ein Muss sind. Die Münchner Internistin Gabriele von Bergmann bringt es auf den Punkt: “Wir können alte Menschen nicht einfach unversorgt zuhause rumliegen lassen. Das geht nicht, es entspricht einfach nicht meinem Berufsbild.”

Hausbesuche gehören zu einer guten Versorgung

Auch für Dr. Kathrin Hamann als niedergelassene Hausärztin sind Hausbesuche eine Selbstverständlichkeit: “Ich möchte eine gute Versorgung aller Patienten. Und im Sinne einer guten Versorgung gehört der Hausbesuch einfach dazu.” Deshalb stehen die Türen ihrer Pasinger Praxis stets allen Patienten offen, die einen Hausbesuch brauchen, aber vielleicht vom behandelnden Arzt keinen bekommen.

Überalterung: Zahl der Patienten wächst

“Der Druck steigt stetig, die Arbeit wird immer mehr, wir müssen gute Lösungen suchen,” so das Fazit von Dr. Hermann Dorigoni. Denn drei entscheidende Dinge haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert: Die Zahl der Patienten wächst durch Zuzüge in die Großstadt parallel zur Einwohnerzahl Münchens. Und die Zahl der älteren Menschen wächst, denn die Menschen werden immer älter. Somit müssen immer mehr Seniorinnen und Senioren versorgt werden. Der dritte Punkt ist das Berufsbild des Hausarztes. Vor 30 Jahren waren in jeder Gemeinde Hausarzt und Pfarrer Tag und Nacht für ihre Schützlinge da, diese Idylle gibt es nur noch beim “Bergdoktor” im Fernsehen. In der heutigen Zeit und besonders in einer Großstadt ist es nicht möglich, rund um die Uhr erreichbar zu sein.

Neue Wege gehen

Mit einem besseren Netzwerk, einer engeren Zusammenarbeit untereinander, müssten doch mehr Hausbesuche machbar sein, glaubt Wundmanagerin Anja Süß-Burghardt vom Pflegewerk München. Einerseits sieht sie, wie viel Stress die Hausärzte haben, andererseits wünscht sie sich die bestmögliche Versorgung für ihre Pflegebedürftigen. Und kommt daher auf die Idee: “Wenn mehrere Ärzte zusammenarbeiten, könnten sie doch sowas wie einen Außendienst aufbauen.”

Einer von fünf Ärzten macht Außendienst

Bei Dr. Hermann Dorigoni ist dieser Außendienst längst eine feste Größe. Er hat vier ganze Vormittage pro Woche frei für Hausbesuche. In dieser Zeit halten die anderen Kollegen im Innendienst die Stellung in der Praxis. Dennoch sind diese Vormittage anstrengend. “Hausbesuche sind ein irrsinniger Aufwand, die Fahrten im Berufsverkehr, die Parkplatzsuche. Manchmal brauche ich mehr als eine Stunde für einen einzigen Patienten”, erzählt der Münchner.

Frau Doktor ist mit dem Radl da

Aus diesem Grund beschränkt sich Dr. Gabriele von Bergmann auf ihren Sprengel in Nymphenburg. Sie schwingt sich mitsamt dem Arztkoffer auf ihr Fahrrad und versorgt all ihre Patienten, die im näheren Umkreis auf zwei Rädern erreichbar sind. “Anders geht es nicht in München”, steht für die Internistin fest. Routinemäßig schaut sie alle zwei Wochen bei ihrem festen Patientenstamm nach dem Rechten. Sie schafft zwischen drei und sechs Hausbesuche pro Stunde - eine gute Quote, die nur ohne Stau und Parkplatzsuche erreichbar ist.

Online-Sprechstunde als neues Konzept

Das Internet macht sich dagegen Dr. Kathrin Hamann zu Nutzen, um ihre Patienten auch zuhause versorgen zu können. So kann sie mit ihrer Zeit effektiv zu haushalten und der Patient kann sich den mühevollen Weg in die Praxis ersparen. Deshalb bietet die Allgemeinmedizinerin zehn Stunden pro Woche eine Online-Sprechstunde an. Hierfür können sich Patienten anmelden, die aus gesundheitlichen, räumlichen oder zeitlichen Gründen nicht in die Praxis nach Pasing kommen können.

Kontrolle und Beratung über das Internet

Voraussetzung für einen Online-Termin ist jedoch, dass Dr. Kathrin Hamann die Patienten persönlich kennt. “Das bedeutet, bevor wir uns zu einer Online-Sprechstunde verabreden, müssen Sie mindestens einmal in der Praxis gewesen sein oder durch mich im Rahmen eines Hausbesuches untersucht worden sein”, betont die Hausärztin. Und sie stellt klar, dass es leider nur bestimmte Erkrankungen gibt, für die eine Online-Sprechstunde in Frage kommt. Dazu zählen unter anderem Verlaufskontrollen und Beratung bei Wunden, bei Bewegungseinschränkungen und bei Hauterkrankungen. Zudem kann die Hausärztin im Online-Gespräch die Stimme, das Sprechen selbst und die Sprache der Patienten beurteilen.

Persönlicher Kontakt oft unumgänglich

Die Online-Sprechstunde wird laut Dr. Kathrin Hamann gerne angenommen, auch wenn die Behandlungsbereiche technisch bedingt und durch den Gesetzgeber eingeschränkt sind. So sind Krankschreibungen beispielsweise nicht erlaubt. Auch bezahlt die Krankenkasse keine Online-Sprechstunde für eine allgemeine Beratung des Patienten. Bei vielen Krankheitsbildern ist jedoch der persönliche Kontakt erforderlich. Beispielsweise bei der Verlaufskontrolle einer Bronchitis, muss die Hausärztin den Patienten abhorchen, um die weitere Therapie festlegen zu können. Genau deshalb geht die Münchner Hausärztin eben auch zehn Stunden pro Woche zusätzlich auf Hausbesuch. Im Vordergrund steht die beste Versorgung für ihre Patienten, die ganz individuell und den aktuellen Bedürfnissen entsprechend angepasst wird.

Letztendlich ist es eine Gewissensfrage

Diesen Anspruch haben glücklicherweise viele Hausärzte und werden diesem auch gerecht. Deshalb spricht Dr. Hermann Dorigoni bestimmt den Kollegen aus dem Munde, wenn er sagt: “Wissen Sie, letztendlich ist es eine Gewissensfrage, ob man noch ausrückt oder nicht, wenn ein Mensch Hilfe braucht. Für mich immer eine Selbstverständlichkeit, auch wenn ich das zusätzlich mache und dabei oft an meine eigenen Grenzen gehe.” Ein Dank an alle Hausärzte mit dieser Einstellung!

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