Tanja Schütz 04.10.2017

Der Druck steigt: Hausbesuche sind praktizierte Nächstenliebe

Eine soziale Einstellung ist entscheidend: Die innere Freude am Beruf und der Wunsch, seinen Patienten Gutes tun zu wollen, sind für Dr. Hermann Dorigoni der Motor, um von Tür zu Tür zu fahren.

Dr. Hermann Dorigoni nimmt gewichtige Worte in den Mund, wenn es um das Thema Hausbesuche geht: Nächstenliebe, Moral, Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein und Hilfsbereitschaft. All diese Gefühle und Charaktereigenschaften kommen bei ihm zum Tragen, wenn er mehrmals pro Woche zu seinen Patienten fährt.

Auf die soziale Einstellung kommt es an

“Ich bin sicher, dass es abhängig ist von der sozialen Einstellung eines Hausarztes, ob er Hausbesuche anbietet. Diese Versorgung ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich”, erklärt der Münchner Allgemeinmediziner, der in der Nähe des Hauptbahnhofes praktiziert. Auch für ihn ist die Situation schwierig, eigentlich eine stete Gratwanderung. Deshalb hänge alles von der inneren Einstellung ab, die man als Arzt zu seinem Beruf hat - einem anstrengenden Beruf.

Die eigenen Ressourcen sind begrenzt

Im Anschluß an die Sprechzeiten, die sich gerne in die Länge ziehen, müssen all die Verwaltungsaufgaben wie Abrechnungen und Arztbriefe erledigt werden. Nebenbei stehen noch bürokratischer Schreibkram und die Organisation der Praxis an. Das alles kostet viel Zeit, Kraft und Energie: “Die eigenen Ressourcen als Arzt sind schließlich auch begrenzt, deshalb muss jeder für sich entscheiden, ob er zusätzlich noch auf Hausbesuch gehen kann oder nicht. Auch für mich gilt: Ich muss jeden Tag aufs Neue versuchen, meine Grundeinstellung und Motivation zu bewahren. Und das ist schwierig, denn der Druck steigt stetig”, sagt Dr. Hermann Dorigoni ganz offen.

Erfüllend: Patienten etwas Gutes tun

Bei all der Kraft und Anstrengung - keine Hausbesuche anzubieten, ist für den Münchner keine Option: Er ist nunmal mit Leib und Seele Hausarzt. Die innere Freude, die er bei der Ausübung seines Berufes empfindet, und der Wunsch, seinen Patienten etwas Gutes tun wollen, das ist sein Motor, um gerne von Tür zu Tür zu fahren.

Einweisung ins Krankenhaus vermeiden

Natürlich gibt es auch den ärztlichen Notdienst, der all die kranken Menschen zuhause versorgen könnte. Doch der ist für Dr. Hermann Dorigoni nur eine zusätzliche Option: “Ich bin mir bewußt, so viel auf Hausbesuch zu gehen ist praktizierte Nächstenliebe. Aber ich kann nicht anders.” Allein durch die Tatsache, dass ihm der Mensch und seine Krankengeschichte vertraut ist, kann er so manches Mal eine Einweisung ins Krankenhaus vermeiden. “Ein Notarzt, der den Patienten nicht kennt, geht schneller zu einer Einweisung über”, ist sich der Hausarzt im Klaren.

Pflegedienst springt vermittelnd ein

Anja Süß-Burghart hadert auch regelmäßig mit der Situation. Sie ist Wundmanagerin und arbeitet für das Pflegewerk München. In dieser Funktion fällt auch ihr auf, dass immer weniger Hausärzte Hausbesuche anbieten. Da ihr das Wohl der pflegebedürftigen Menschen aber sehr am Herzen liegt, springt sie so manches Mal vermittelnd ein: “Wenn wir mitbekommen, dass ein Patient einen Hausbesuch bräuchte, aber kein Arzt kommt, nehmen wir gerne Kontakt zum behandelnden Hausarzt auf. Meistens klappt es dann und er schaut nach dem Rechten.” Dabei entgeht auch Anja Süß-Burghart nicht, wie viel Stress die niedergelassenen Ärzte in ihren Praxen haben, und dass ihnen für Hausbesuche tatsächlich wenig Zeit bleibt.

Hausbesuche haben einen großen Stellenwert

Ob gesetzlich versichert oder privat, das spielt für Dr. Kathrin Hamann, Hausärztin in Pasing, gar keine Rolle. Sie fährt zu jedem Patienten, der sie braucht. “Ich biete Hausbesuche ganz explizit an und plane dafür auch extra viel Zeit ein”, erklärt sie ihren Schwerpunkt. Dafür splittet sie ihre wöchentliche Arbeitszeit folgendermaßen: 30 Stunden Sprechzeit in der Praxis, 10 Stunden Hausbesuche und 10 Stunden Online-Sprechstunde. Damit fährt sie gut, allerdings auch stressig.

Rundumversorgung in den eigenen vier Wänden

Manche Hausbesuche sind erforderlich, weil frisch operierte Patienten nach der Entlassung eine Nachsorge brauchen, daneben gibt es akute Notfälle, aber das Gros sind ältere Menschen, die Dr. Kathrin Hamann fortlaufend zu hause versorgt. “Das klappt gut. Ich habe eine digitale Praxis und für die Hausbesuche die Kartei dabei. Diagnose, Behandlung, Katheter legen oder wechseln, Blutabnahme, Gerinnungs-Check, Blutzucker - kann man alles zuhause machen”, erzählt die Münchnerin. Sie arbeitet eng mit den betreuenden Pflegediensten zusammen und trifft sich mit den Mitarbeitern vor Ort, wenn es darum geht, das weitere Prozedere zu besprechen oder eine Wunddokumentation zu machen.

Hausbesuche sind schlecht bezahlt

“Wir sind nicht besonders großzügig mit den Hausbesuchen, das können wir uns nicht leisten. Dafür sind sie von den Krankenkassen zu schlecht bezahlt”, gibt Dr. Gabriele von Bergmann einen ehrlichen Einblick in die Finanzen. Es stehe in keinem Kosten-Nutzen-Verhältnis, wenn man ausrückt und der Hausbesuch nicht unbedingt erforderlich ist. Besuche in akuten Fällen stehen außer Frage, aber nicht bei Erkältung. Da heißt es, ein Ibuprofen schlucken und in die Nymphenburger Praxis kommen. Bei größeren Malessen wie einem Hexenschuß fährt die Internistin selbstverständlich los.

Alle 14 Tage Routinekontrolle

Ihre regelmäßigen Hausbesuche bei älteren Menschen macht die Münchner Hausärztin immer Donnerstag Nachmittag. Routinemäßig besucht sie die Senioren alle 14 Tage. “Doch solange jemand mobil ist, möchte ich gerne, dass er in die Praxis kommt. Die Bewegung hält die älteren Menschen fit”, schmunzelt sie. Mit Bedauern stellt auch Dr. Gabriele von Bergmann fest, dass die Bereitschaft, auf Hausbesuch zu gehen, bei immer mehr Kollegen abnimmt. Diese Tendenz sei bedenklich, bringt sie es auf den Punkt.

Wie die Situation verbessern?

Die Situation ist für Patienten und Hausärzte tatsächlich schwierig und wird in den kommenden Jahren noch schwieriger werden. Die Menschen werden immer älter und haben oft jahrzehntelang mit mehrfach Erkrankungen zu kämpfen. Was könnte die Lage entspannen und zu einer Verbesserung führen? Hierzu gibt es einige Ideen. Lesen Sie in Kürze!

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Was sich unglaublich anhört, ist in München und Berlin Realität. Wer nicht möchte, muss sich nie mehr ins überfüllte Wartezimmer setzen, sondern holt den Hausarzt zu sich.

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Tanja Schütz 24.09.2017
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